Interview Christian Geltenpoth (Magic Disk 64)

Wir haben heute eine ganz besondere Ehre... den Vater der Magic 64 & Game On
und allerersten Chefredakteur der Ur - Magic Disk 64 & Game On... Christian Geltenpoth. 
Hallo Christian und vielen Dank, dass Du heute deine Zeit opferst um uns ein Interview zu geben.

Stell Dich doch mal kurz den Leuten vor, die dich noch nicht kennen.
Wie kamst du zur Computerei und was machst Du so, wenn Du mal nicht in die Tasten haust?


"Unseren" ersten echten Computer brachte damals mein Vater nach Hause.
Das war 1982 und ein System von Xerox... mit riesigen 8"-Disketten.
Das erste Spiel darauf hieß übrigens "Pong". Darauf folgte der legändere Apple II (mit fluoreszierendem Grün-Monitor),
dann ein ZX81 (selber zusammengelötet!) und schließlich der C64.
Mein Bruder war dabei der eigentlich "Crack", der in Assembler programmieren konnte
und Kurse an der Schule hielt. Ich habe es persönlich leider zu nie mehr als "Basic" gebracht.
Was ich sonst so mache: bin mit meiner Familie (3 Kids) voll eingespannt..


Wie bist Du zum Commodore 64 gekommen? Hattest du vorher schon andere Geraete oder war der Brotkasten dein Einstieg?

Der C64 war der logische Schritt nach den ersten Computern, da er relativ günstig war
und dennoch mehr konnte als z.B. der relativ teure Apple II.
Zudem gab es relativ schnell ziemlich viele Programme...
und das Programmieren in Basic machte hier einfach Spaß.


Wie genau bist Du zur Magic Disk 64 gekommen?

Die Magic Disk 64 war meine Idee. Ich war damals Leser des 64er-Magazins
und habe mich immer über fehlerhafte Programme (zum Abtippen) geärgert.
Dies war der Startschuss zur MD64. Angefangen hat es damit,
dass ich die MD64 anderen C64-Besitzern im Rahmen eines Mailings angeboten habe.
Dazu musste ich allerdings ueber 2000 Adressen aus dem 64er-Kleinanzeigenmarkt abtippen,
ausdrucken, mein "Mailing" kuvertieren und absenden.
Für das Porto dazu habe ich damals 6 Wochen als Möbelträger gejobbt. Hat sich gelohnt ;)


Wie sah der anfängliche Redaktions Alltag aus - und was hat sich im Laufe der Zeit verändert?


Am Anfang haben wir die MD64 zu dritt gemacht. Programme und Spiele ansehen,
testen, Programmierer anrufen, Programme kaufen, Texte schreiben
und eine "Master"-Diskette erstellen. Die wurde dann auf Kopiergeräten vervielfältigt.
Am Anfang rd. 100.000mal jeden Monat. Realtiv schnell - innerhalb von 3-4 Jahren -
hatte ich dann schon 30 Mitarbeiter und die Aufgaben änderten sich.
Aber die neuen Programme habe ich mir nach wie vor gerne selbst angesehen.


Welche Themen haben dir an der Magic Disk 64 am besten gefallen - welche hättest Du gerne intensiver behandelt?

Am interessantesten waren die Cracker-Stories; zu einigen Gruppen
hatten wir sehr intensiven Kontakt. Die haben auch viele geniale Programme geschrieben,
und zum Beispiel unsere Kopierschutzverfahren entwickelt.


Hand aufs Herz... sind Paul Plodder und Rainer Rosshirt Ein- und Dieselbe Person
(ich meine... jeder Mensch hat eine nette und eine fiese Art) ;-) oder handelte es sich dabei sogar um mehrere Personen?


Manche Dinge müssen Geheimnisse bleiben.. aber soviel: Rainer Rosshirt gibt es wirklich.


Welche Games hast Du damals am liebsten gespielt (C64, Amiga, PC)?
Und was ist davon heute noch eines der Spiele, die du immer wieder spielen könntest?


Ich war damals ein großer Adventure-Fan, aber auch die späteren Formel1-Spiele
(Microprose) waren ziemlich packend. Aktuell spiele ich höchstens noch Golf auf der Wii.


Kommen wir zurück zu Magic Disk 64. Wie hat sich die "Zeitschrift" in deinen Augen
verändert als sie gemeinsam mit der Game On im Play Time Kombi verkauft wurde?


Wenn man ehrlich ist, war der Zenit der MD64 leider bereits 1991/92 überschritten.
Bis dahin haben alle mit Leidenschaft daran gearbeitet, den Lesern
immer bessere Programme zu liefern. Über die Play Time Kombi haben wir versucht,
den Fans ihr Lieblingsheft noch etwas länger anbieten zu können,
bis es eben aufgrund stetig sinkender Auflagen nicht mehr ging.


Gibt es etwas, dass dir in Bezug auf die damalige Zeit besonders im Gedächtnis
geblieben ist und das Du auch niemals vergessen wirst?


Ja! Wir hatten einmal einen Kopierschutz entwickelt, der nur auf wenigen
Laufwerken in der Redaktion funktionierte. Leider haben wir auch nur
diese zum Testen verwendet. Damit ist dann eine komplette Auflage
bei den Lesern gelandet, die eigentlich niemand lesen konnte.
Von rd. 40.000 verkauften Exemplaren wurden aber weniger als 1000 reklamiert..


Wie wurde das damals eigentlich technisch alles gemacht, ich meine... wie- und wo zum Beispiel
wurden die Disketten kopiert und wie viel Zeitdruck steckte oftmals dahinter als die Zeitschrift bekannter wurde?


Wir haben von Anfang an rd. 100.000 Disketten pro Monat kopiert. Auf Kopiermaschinen,
in die man maximal 50 Disketten einlegen konnte. Das Kopieren hat anfangs rund zwei Wochen gedauert.
Als dann "Game On" und "Golden Disk 64" dazu kamen, stieg die Auflage auf rd. 200.000 Disketten pro Monat.
Wir mussten mehr Kopiermaschinen anschaffen und rund um die Uhr produzieren,
um die Mengen zu schaffen.Die engen Termine, die Logistik und vor allem die laufenden technischen Probleme
waren eine echte Herausforderung. Daran hat sich eigentlich seit dem Start nichts geändert


Erzähl doch mal... gab es mal eine extreme Krisensituation in der Redaktion (technischer Art) und wie wurde sie gelöst?


Wir hatten ständig Krisen, technischer Natur. Ausgefallene Kopierwerke, fehlende Ersatzteile,
mangelhafte Disketten (Neuware, bei denen sich z.B. die Scheibe nicht richtig gedreht hat) und vieles mehr.
Gelöst wurden sie regelmäßig durch Nacht- und Nebelaktionen
(z.B. neue Disketten am Wochenende mit Anhänger in Holland abholen).



Wann kam der Moment, an dem für DICH PERSÖNLICH die Magic Disk 64 am Ende war?


Als die verkaufte Auflage auf weniger als 15.000 Exemplare fiel. Und natürlich hatten wir eine PC GAMES,
die mit CD-ROM "durch die Decke ging". Da wusste ich, dass es nicht mehr lange bis zur Einstellung sein konnte.


Stehst Du noch mit einigen damaligen Kollegen in Kontakt?


Ja, mit vielen, z.B. mit Christian Müller (jetzt Chefred. der "SFT").


Was machst Du aktuell und was sind deine Plaene für die Zukunft?


Ich entwickle aktuell verschiedene Apps.. ihr werdet sicher bald davon hoeren.


Natuerlich interessiert es uns zum Abschluss noch... würdest Du in Bezug auf Magic Disk 64...
alles noch mal genau so machen oder doch ein bisschen anders?


Ich denke, es war zur damaligen Zeit genau richtig, es so zu machen.
Natürlich würde ich heute einiges professioneller anpacken.
Allerdings hat dieses "home-made" auch seinen Charme gehabt und zum Kult der Magic Disk beigetragen.


Danke für das tolle Interview und vielleicht ein paar abschließende Worte an die Leser?

Ich freue mich, dass die Magic Disk nun online eine Plattform gefunden hat.
Danke an Euer Team hierfür. Und den Lesern viel Spaß und, in der heutigen hektischen Zeit,
ein paar schöne Momente der Erinnerung an spannende Computer-Pionier-Jahre!